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1977, 1988 und nun 2013: Die RAF in der Kunst, nicht wirklich verjährt und immer wieder anders.

Oktober 1977. An den können sich viele noch erinnern. ARD, ZDF, Das Dritte, wohl fast alle Fernsehsender berichteten von demselben Geschehen, die Schlagzeilen der Tagesblätter und Wochenmagazine waren voll von denselben Wörtern: Terror, Terroristen, Terrorismus… RAF. Die Schleyer Entführung, die des Flugzeuges Landshut und dann die sogenannte Todesnacht von Stammheim, allgemein bekannt unter 18. Oktober 1977, in der drei Terroristen der Baader Meinhoff Gruppe das Leben verloren. Und nicht nur in Deutschland ging es heikel zu, die letzten Jahre der 80-er waren auch in Italien, wo die Brigate Rosse aktiv waren, von Angst und Schrecken gekennzeichnet. Der organisierte Terror stellte neue Regeln auf.

1988. Der Maler Gerhard Richter präsentiert eine ganze Serie von Gemälden mit dem „Titel 18. Oktober 1977“ die sich an Fotos der Tageszeitungen, reellen Ablichtungen und anderem Material der Medien über die Terrorgruppe RAF anlehnen. Die dunklen, verschwommenen Bilder berichten nicht nur von den damaligen Ereignissen und Menschen, sondern vor allem von der humanen, fast tragischen Seite an sich. Durch die Pinselstriche werden die Protagonisten der terroristischen Taten entblößt, was bleibt ist eine direkte Konfrontation mit dem Wesen Mensch. Richter läßt das ganze Geschehen durch die Kunst unter einem neuen Aspekt aufleben.

2013. 36 Jahre später, werden wir wieder mit dem Thema konfrontiert, diesmal aber in erweiterter Version. Am 20. Juni hat in der Galerie Gasser&Grunert New York eine Ausstellung unter dem Titel “October 18 1977“ eröffnet, die Werke ausstellt, die sich sowohl an Richters Gemäldezyklus anlehnen, als auch die tatsächlichen Geschehnisse interpretieren. Das Vorhaben der Kuratorin und Künstlerin Birgit Rathsmann war darzustellen wie Künstler einer neuen Generation, fast 6000 km weit entfernt und in einem von Terroranschlägen geprägten Land, jene Ereignisse interpretieren würden. Viele von Ihnen kannten die Geschichte gar nicht, andere nur durch die Werke Gerhard Richters, die heutzutage der Sammlung des MoMa’s angehören. Das Ergebnis der intensiven Auseinandersetzung mit diesem Thema ist eine Gruppenausstellung mit mehr als 25 Werken, welche die erstaunlich unterschiedlichen und individuellen Eindrücke und Visionen der Künstler wiederspiegeln.

Dominic Nurre Conservative Video Work Giacomettis Elephant 2009-2013

Grayson Cox’s Videoarbeit “Youth Portrait”(2013) zum Beispiel ist ein direkter Bezug zu den veröffentlichten Bildern Ulrike Meinhofs: ein Wasserstrahl trifft auf eine in gelb frisch lackierte Fläche und läßt so langsam Ihr Gesicht erscheinen, als ob sie kurz aus der Vergangenheit auftauchen würde. Claudia Peña Salinas hat sich von Gerhard Richters Gemälden inspirieren lassen und präsentiert eine Installation aus 43, teils durch Schmirgelpapier zerkratzten Papierbögen: jeder soll für eines der 43 Jahre Haft von Gudrun Ensslin stehen. Abstrakter, aber trotzdem dem Thema zuzuordnen, ist das Werk von Dominic Nurre “Conservative Video Work: Giacometti’s Elephant”, (2009-2013) in dem ein Elefant mitten im Dschungel per Hand zerlegt wird. Es geht um die Abstraktion und Objektivität in der Kunst denen er kritisch gegenübersteht, sie dennoch in seiner Praxis nicht vermeiden kann. Jeff Williams’ „Partition“ (2013) dagegen ist viel konzeptueller: was auf den ersten Blick wie eine Wand einer hölzernen Gefängniszelle erscheint entpuppt sich als ein gewieftes Spiel der Innenarchitektur: Williams hat einige Rigipswände der Galerie in Ihre Einzelteile zerlegt und aus der einst vertikalen Oberfläche einen begehbaren horizontalen Untergrund gebaut; aus dem einstigen „Trennelement“ ist eine durchschaubare und erlebbare Installation geworden.

Siebren Versteeg Image in progress 2013

Der Einfluß Richters ist in vielen Werken unausweichlich zu erkennen, wie zum Beispiel in „Risposte (to Richter)“ von Becket Bowes oder „Image in Progress“ (Siebren Versteeg, 2013), in anderen weniger. Manche Künstler haben gezielt mit Bildern gearbeitet die von den Medien während der „Terrorzeit“ benutzt worden sind („Documents of Sentimental and Misguided Nostalgia 1,2,3“ 2013, Jenny Vogel) andere haben sich eher Gedanken über das Thema Gefängnis, Haft und politischen Druck gemacht („Festnahme (Arrest)“, 2013, Jessica Mein). Die lange Liste beinhaltet auch Werke derselben Kuratorin/Künstlerin Birgit Rathsmann: eine Serie von Drucken auf Stoff, die die lange versteckt gehaltenen Totenmasken der Terroristen zitieren. Im Gespräch mit Rathsmann stellt sich heraus, daß ihr Interesse vor allem darin liegt den Zuschauern einen Einblick in die Verarbeitung des Themas „Terror“ zu geben, denn das was Ende der Achtziger Jahre geschah hat Ihrer Meinung nach das „Verhältnis zwischen Staat (welcher er auch sei) und den Medien, den Tätern/Opfern des Terrors und letztendlich den Mitbürgern grundlegend geändert.„

Die Ausstellung ist von einem Katalog begleitet der außer zu den Kunstwerken auch reichlich Informationsmaterial über die RAF an sich, Ablichtungen juristischer Dokumente, Titelblätter von deutschen Wochenmagazinen und sogar das „Knastalphabet“ zur Verfügung stellt.

Die Austellung October 18 1977 ist noch bis zum 19. Juli 2013 in der Galerie Gasser & Grunert zu sehen.

Dieser Artikel ist im Wall Street International Magazine erschienen.

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