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Ein Portrait einer Frau, einer Messe und eines kuratorischen Konzepts

Über Kunstmessen zu schreiben (und zu lesen) ist nicht immer aufregend, vor Allem wenn man nun mehr nur über die Cocktail Parties und VIP Veranstaltungen berichten will, neuen Künstlern oder Verkaufe. In dieser Hinsicht stellt die Turiner Messe Artissima aber eine große Ausnahme dar, denn bei Ihrer 21. Edition hat sie dieses Jahr nun wirklich alle Erwartungen gesprengt und bewiesen nicht nur eine der bestens organisierten Kunstmessen Europa’s zu sein, sondern auch die Grenzen der kuratorischen Aspekte zu überschreiten.

Schon immer bekannt für Ihre Innovation und den Willen Vorreiter des künstlerischen Geschehens zu sein, war diese Edition eine der experimenthellsten und spannendsten. Dem Dank können wir der Direktorin Sarah Cosulich zuschreiben, die in den letzte drei Jahren zahlreiche Innovationen eingebaut hat und die Messe von Ihrem herkömmlichen Schauplatz in die Innenstadt geholt hat. In einem exklusiven Interview erzählt sie uns von der aufregenden Reise die Sie den Zusschauern in diesem Jahr geboten hat. Zum ersten Mal gab es ein Performance Program, die Sektion Back To The Future, wo Künstler der 60er, 70er und 80er Jahre gezeigt wurden, gab einblick in die Kunstgeschichte, und nicht zu vergessen das diesjährige absolute Highlight Shit And Die, eine Austellung kuratiert von einer der diskutierttesten Figuren der zeitgenössischen Kunst: Maurizio Cattelan, zusammen mit Myriam Ben Salah, und Marta Papini.

Artissima Back to the Future

Sarah Cosulich, ich kenne und besuche die Messe seit einigen Jahren und ich stelle fest dass sie immer internationaler wird. Von Jahr zu Jahr treten Galerien aus neuen Ländern bei, wie zum Beispiel in diesem Jahr Latein America. Ist das eine Strategie oder ein Zufall?

Es gehört zu unserer Identität und es ist weniger eine geographische Wahl. Artissima ist eine Messe die experimentell, jung, und innovativ ist, und wir möchten diese Idee natürlich über unsere die Aussteller weitergeben. Wir wählen Galerien aus die dieser Art von Arbeit in bester Weise nachgehen und auf dem Internationalen Markt eine einschneidende Rolle haben. Dank unserer internationalen Kommission konnten wir nun auch neue Laender ansprechen und so die international Austellerliste erweitern.

In diesem Jahr gibt es zum erstemal eine Sektion für Performance, was ja sehr außergewöhnlich für eine Messe ist. Finden Sie dass es in der Hinsicht eine Lakune gab oder möchten sie der Perfomance einen Neuen Platz erschaffen?

Der Charakter dieser Messe ist in erster Linie innovativ und experimentell und den möchten wir natürlich beibehalten. Die Sektion Back To The Future ist hier entstanden und andere Messen wie Frieze oder Arco haben sich daran inspiriert, darauf sind wir natürlich sehr stolz. Als Kuratorin ist mir aufgefallen dass es viele Galerien gibt die mit Performance arbeiten, die aber fast nie die Möglichkeit haben diese in einen kommerziellen Kontext zu bringen. Die Gründe kenne wir alle: Hohe Kosten aber wenig Aussicht diese durch Verkaufe wieder rein zu bringen. Ich habe mir deshalb gedacht die erste Messe der Welt zu sein in der es eine Sektion exklusiv für Performance gibt, nicht nur als Side-Event, sondern als richtiges Program. So ist Per4M entstanden. Ein Team von internationalen Kuratoren hat so 16 Performances ausgesucht die in den 4 Tagen der Messe an den unerdenklichsten Orten gezeigt wurden, und somit auch die Essenz der Performance dargestellt haben, eben keine wirklichen Regeln zu haben.

Marcello Maloberti La Voglia Matta Performance Installation 55th Venice Biennial Italian Pavillion. Coutersy The Artist and Raffaella Cortese Gallery Milano

Eines der Ziele ist eine neues und jüngeres Pubblikum anzuprechen und zu erziehen. Welche Ideen haben sie dazu verfolgt? Ist die Performance Teil der Strategien?

Ich habe mir gedacht das es wichtig wäre die Aufmerksamkeit vom Objekt Kunst auf einen Moment der Teilnahme zu lenken. Performance hat zwei Rollen, die eine ein generelles Publikum anzusprechen, und zweitens das Verstehen vom Kunstwerk zu erweitern, nicht nur klassische Gemälde, Skulptur oder Fotografie, sondern eben auch Aktion und Partizipation. Wir wollen uns den jungen Leuten zuwenden, und eben nicht nur ueber kommerzielles Marketing, deshalb sind alle Initiativen die mehr über eine Messe, ueber Kunst und Beisammensein erzählen können willkommen!

Deshalb also auch eine von Maurizio Cattelan kuratierte Ausstellung?

In einem Moment in dem wir alle an eine qualitative Arbeitsweise denken, möchten wir dasselbe auch durch und relationsbezogene Events anbieten.

Wo wir also von Cattelan sprechen, haben Sie ihn eingeladen oder war er es der sich an die Messe gewandt hat?

Mein Ziel war nicht einfach eine wohlbekannte Person zu finden, sondern eine Ausstellung nach Turin zu bringen die gleichzeitig in Relation zur Identität der Stadt und der Messe stehen würde. Letztes Jahr hatten wir fünf Ausstellungen von fünf Kuratoren in fünf verschiedenden Institutionen, wir haben also die Welt nach Turin eingeladen. Dieses Jahr habe wir eine umgekehrte Operation durchgeführt, wir haben von Turin aus der Welt in die Augen geschaut. Nur ein Künstler, der sich in Diskussion bringen kann, der selbst einer der Ersten war die sich rundum gewandelt hat, konnte ein Ausstellungkonzept anbieten das mal was Anderes wäre. Mit seinem Team Myriam Ben Salah und Marta Papini, hat er die Stadt erkundet um eine universelle und gleichzeitig spezifische Ausstellung erstellt, die die humane Kondition, das Leben und den Tod, den menschlichen Körper und die Geschichte der Stadt hinterfragt.

Agnese Purgatorio Dalla clandestinita Courtesy of Podbielski Contemporary
Bevor sie Direktorin dieser Messe geworden sind habe Sie viele Jahre als Kuratorin gearbeitet. Wie fühlt es sich an von einer eher intellektuellen Arbeit zu einer kommerziellen Veranstaltung zu wechseln?

Ich muss schon sagen dass es eine große Herausforderung war und ist, wobei Artissima mit Sicherheit eine der kulturellten Messe ist und viel Platz für parallele Initiativen und einem scharfen kuratorischen Blick bietet. Im Gegensatz zu einer traditionellen Messe konnte ich deshalb schon eigenen Ideen mit einfließenlassen. Die einzige Frustration die ich anmerken kann ist am Sonntag Abend zusehen zu müssen wie die Arbeit eines ganzen Jahres einfach schnelle abgebaut wird, wohingegen ein Kurator einer klassischen Ausstellung Zeit hat sein Schaffen wenigstens für einige Zeit geniessen zu können.

Die Messe Artissima findet jedes Jahr im November in Turin statt und bietet Galerien der ganzen Welt die Möglichkeit auszustellen. Dieses Jahr waren 194 internationale Aussteller vertreten, wovon 17 Deutsche.

www.artissima.it

This article is published in the Wall Street International Magazine.

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